Geschichte in der Hundezone

Langfassung, Gekürzte Fassung erschienen als "Kommentar der Anderen" im "Standard" vom 5.5.2014.

 

Geschichte in der Hundezone

Anfang Mai steht der Heldenplatz im Zeichen des Gedenkens an die Befreiung. Neben den anlassbezogenen Aktivitäten braucht es dennoch ein „Haus der Geschichte”. Dieses könnte auch am Heldenplatz stehen. Gedanken zu Notwendigkeit, Programm, Organisation und Standort. Eine Erinnerung.

 

Von Martin Fritz

 

Notwendigkeit

Während der Kunstfreund in Wien allein durch fünf großen Bundesmuseen versorgt wird, verfügt die Bundeshauptstadt über kein vergleichbares (zeit)geschichtliches Angebot. So verdienstvoll die Spezialorganisationen – vom DÖW über das Wien Museum bis zum Jüdischen Museum – auch sein mögen, sie können nicht jene Wunde schließen, die sich die Republik durch den Verzicht auf ein „Haus der Geschichte” immer wieder neu zufügt. Denn es ist schmerzhaft, wenn es für eine Schulklasse, die wissen möchte, wer 1938 aus ihrer Schule vertrieben wurde, keinen zentralen öffentlichen Ort gibt, an dem dieses Wissen leicht zugänglich gemacht werden könnte. Es ist absurd, wenn der mangelnde politische Konsens dazu führt, dass ein Großteil der Debatte über das Jahr 1934 anhand eines Objekts – dem Dollfuß-Portrait im ÖVP Parlamentsklub, geführt wird, das der Öffentlichkeit nicht zugänglich ist. Bedenkt man dann etwa noch die Lücken in den habsburglastigen Geschichtserzählungen öffentlicher Vorzeigeinstitutionen – von der spanischen Hofreitschule bis zur Albertina – kann nicht mehr von einer Lücke gesprochen werden, sondern von einer bewussten Ausklammerung des 20. Jahrhunderts, gerade an jenen Orten, die über die höchste touristische und stadträumliche Relevanz verfügen.

 

Programm

Zahlreiche Beispiele der letzten Jahre haben gezeigt, dass Geschichtsvermittlung oft besser „am Schauplatz” – anlassbezogen und projektförmig – funktioniert, als in statischen Ausstellungsformaten. In diesem Verständnis müssten kritische Stadtführungen, Initiativen für Gedenkorte, Interventionen in andere Organisationen und Sammlungen und öffentlich ausgetragene Kontroversen über historische Themen ebenso zum Programm eines „Haus der Geschichte” zählen, wie Ausstellungen und kontinuierliche wissenschaftliche Arbeit in Kooperation mit der universitären und außeruniversitären Forschung. In Anlehnung an den Namen einer verdienstvollen Kunstvermittlungsinitiative der 1990er Jahre müsste ein „Haus der Geschichte” ein „Stördienst” im institutionellen Raum der Republik sein, dessen Aktionsradius die kritische wissenschaftliche Begleitung anderer staatlicher Stellen ebenso umfasst, wie die Vernetzung und Aktivierung bestehender Initiativen in diesem Feld. Als Beispiel für den Wert für die Einbeziehung externer Akteure kann die „Karriere” der „Provenienzforschung” gelten, der es gelungen ist, vom unbequemen Störfaktor zum unverzichtbaren Bestandteil aktueller Museumsarbeit zu werden. In ähnlicher Weise hat es etwa die Initiative für die Rehabilitierung von Wehrmachtsdeserteuren im Verlauf der letzten Jahre geschafft, von den Diskursrändern bis auf den Ballhausplatz „vorzustoßen”.

 

Organisation

Es wäre jedoch fatal zu glauben, dass es sich der Staat erlauben könnte wegen der vielen dezentralen Ansätze, auf eine feste Organisation zu verzichten. Ein Krankenhaus kann nicht ausschließlich durch kleine Rettungsdienste ersetzt werden. Überdies wäre es zynisch, wenn versucht würde, das Loblied auf die schnellen, kleinen Boote gerade dort zu singen, wo es im Bereich staatlichen kulturellen Handelns an großen Tankern nicht fehlt. Wenn es zum Selbstverständnis der Republik zählt, über das bestfinanzierte Theater des deutschsprachigen Raums mit einer Adresse am Ring und über 550 MitarbeiterInnen zu verfügen, sollte ein „Haus der Geschichte” gleichermaßen in die Lage versetzt werden, international beispielgebend wirken zu können. Es geht nicht darum Flexibilität und institutionelle Stabilität gegeneinander auszuspielen, sondern die Dialektik zwischen diesen beiden Polen produktiv werden zu lassen. Übrigens: Eine finanzielle Ausstattung im arithmetischen Mittel der sieben Bundesmuseen und der Nationalbibliothek läge derzeit bei ca. 13 Millionen Euro jährlich und damit sehr sehr deutlich unter den Budgets der drei Bundestheater, denen im Durchschnitt 53 Millionen Euro jährlich zur Verfügung stehen.

 

Standort

Am 8.11. 2008 berichtetet „Der Standard” über einen Standortvorschlag von Manfred Matzka, Sektionschef im Bundeskanzleramt, der hier in abgewandelter Form neu aufgenommen werden soll: Der Standort ist im Bundesbesitz, war bereits einmal als Museumsbauplatz vorgesehen und wird derzeit als Hundezone in bester Lage benutzt. In seiner Nähe – und damit als Ausstellungs- und Aktionsflächen bereits vorhanden – liegen alle relevanten Schauplätze österreichischen politischen Handelns in Vergangenheit und Gegenwart. Ebenso besteht eine Nachbarschaft zu einem Großteil der Bundeskulturorganisationen und eine Einbettung in historisch bedeutsame öffentliche Räume – vom Burggarten bis zum Votivpark. Ein Neubau an der Nordwestseite des Heldenplatzes, gegenüber dem Naturhistorischen Museum, wo heute ein Baumkarree an den Bauplatz für das bis 1908 dort vorgesehene „K&K Hofmuseum an der Ringstraße” erinnert, würde der überfälligen Neugründung eines „Haus der Geschichte” hohe symbolische Stärke verschaffen und böte die ideale Basis für eine innovative Verschränkung von Ausstellungsraum und historischen Originalschauplätzen. Zugleich wäre sichergestellt, dass sich das Haus gleichermaßen als innovatives gesamtstaatliches Zentrum wie auch als historisch-kritisches „BesucherInnenzentrum” für den Regierungsbezirk profilieren könnte. Im Gegensatz zu der von Manfred Matzka damals neu aufgeworfenen Kaiserforumsidee, mit einem den Heldenplatz abschließenden zweiten Hofburgtrakt, bliebe in dieser Variante die offene Raumbeziehung zum Volksgarten unbeeinträchtigt.

 

Anlass

Im heutigen Volksgarten-Café, dem ehemaligen Cortischen Caféhaus, wurde 1848 der erste Wiener demokratische Frauenverein gegründet. 70 Jahre später wurde schräg gegenüber, im Parlament, das Frauenwahlrecht beschlossen und die Republik ausgerufen. Auf der anderen Seite des Heldenplatzes, in den als Kaiserapartments gedachten Räumen der Neuen Burg, die heute von der Sammlung alter Musikinstrumente belegt sind, wurden ab 1938 sämtliche in Wien geraubten Kunstwerke „bearbeitet”. Beiden Ereignissen ist gemeinsam, dass keine Tafel, keine Führung und kein BesucherInnenservice daran erinnern. Der in vier Jahren anstehende 100. Geburtstag der Ausrufung der Republik böte den letzten glaubwürdigen Anlass ein „Haus der Geschichte” zu eröffnen, das neben vielen anderen Aktivitäten auch diese Tafeln montieren und dorthin führen könnte. Die derzeit Regierenden seien hiermit an den Umstand erinnert, dass auch dieses Jubiläumsjahr in die aktuelle Legislaturperiode fällt.

 

Martin Fritz ist Kurator, Berater und Publizist in Wien. Er ist unter anderem beteiligt am am FWF-geförderten Forschungsprojekt „Vom Kaiserforum zum Kulturforum Hofburg-Museums-Quartier“ im Rahmen des Hofburgschwerpunkts der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.